Tanz auf dem Vulkan – mit mörderischen Folgen

„Babylon Berlin“: Regisseure verraten spannende Details zur 4. Staffel

19.08.2022 um 15:05 Uhr

Morde, Mafia, Meth: Die drei Regisseure von „Babylon Berlin“ verraten in der neuen Ausgabe von „Streaming“ (ab sofort im Zeitschriftenhandel), wie es in der vierten Staffel der gefeierten Erfolgsserie weitergeht. Die neuen Folgen sind ab dem 8. Oktober bei Sky und 2023 im Ersten zu sehen ist.

Schon in den ersten Minuten der 4. Staffel der internationalen Erfolgsserie „Babylon Berlin“ nach den Romanen von Volker Kutscher sorgen die Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten dafür, dass sich die Ereignisse überschlagen.

Im Gegensatz zu leicht lahmenden drittten Staffel, in der Serienmorde im Stummffilmmilieu im Fokus standen, erwarten die Zuschauer diesmal gleich sechs Handlungsstränge, von denen jeder einzelne extrem spannend ist. Neben der Jagd nach dem angeblich wertvollsten Juwel der Welt, das der Rothschild-Dynastie gestohlen wurde, geht es um Experimente mit der Droge Crystal Meth, konkurrierende Syndikate, eine Mordserie an Kindern, ein geheimes Wettrüstungsdokument und die Selbstjustiz-Organisation „Weiße Hand“.

Zum Cast gehören zahlreiche Stars der ersten drei Staffeln

Auch in Staffel vier sind Volker Bruch als Kommissar Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Kriminalassistentin Charlotte Ritter am Start, wie auch zahlreiche andere Stars aus den ersten drei Staffeln:  Benno Fürmann, Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Christian Friedel, Fritzi Haberlandt, Hanno Kofler und Meret Becker. Neuzgang Mark Ivanier („Schindlers List“) spielt Gangsterboss Abraham "Abe" Goldstein und neu dabei sind auch Vikings-Star Lenn Kudrjawizki und Sänger Max Raabe, der auch für den Hit-verdächtigen Titelsong „Ein Tag wie Gold“ verantwortlich ist.

Ein Interview von TV DIGITAL Chefreporter Mike Powelz

 

Wie eng sind Sie mit „Babylon 4“ an der Romanvorlage „Goldstein“ geblieben

Henk Handloegten: Wir haben relativ viel übernommen, wobei wir – wie immer – bestimmte Handlungsstränge aus den Büchern von Volker Kutscher vor- bzw. nach hinten schieben. In Kutschers „Goldstein“ gab es beispielsweise einen Handlungsstrang um eine junge Obdachlose, die bei ihm Alexandra heißt. Den haben wir für Charlotte Ritters Schwester Toni übernommen. Unterm Strich haben wir diesmal mehr Handlungsstränge von Kutscher übernommen als in der 3. „Babylon“-Staffel.

Die Ermordung mehrerer Jugendlicher, der Plot über die Wettlizenzen, die Rachegeschichte um den Rothschild-Klunker, die Selbstjustiz-Organisation „Weiße Hand“ und die Experimente mit Pervitin sind – auf den ersten Blick – die fünf wichtigsten Handlungsstränge. Oder gibt es noch mehr?

HH: Ja, die Stränge-übergreifende Suche nach dem weltberühmten Dokument WH 808, die in einem furiosen Zeppelin-Finale mündet.

Wie war Ihre Arbeitsteilung?

Tom Tykwer: Unverändert. Wir haben die Arbeit in Blöcke aufgeteilt und jeder ein Drittel der Staffel gedreht.

HH: Außerdem hatten wir zum ersten Mal zwei Co-Autorinnen im „Writer’s Room“. 

Achim von Borries: Manchmal bin ich sprachlos darüber, wie wir das unglaubliche Pensum in so kurzer Zeit bewältigen, aber dafür gibt es nur eine Erklärung: Wir haben ein eingespieltes Team, das kontinuierlich arbeitet und nur wir Regisseure lösen einander immer wieder ab. 

Wie viele Drehtage hatten Sie? Und von wann bis wann haben Sie gedreht?

AvB: Von März bis Mitte September 2021. Insgesamt hatten wir diesmal 130 Drehtage.

Gab es neue Drehorte?

AvB: Lustigerweise wurde das Innere der „Roten Burg“, die diesmal ein zentrales Motiv ist, in den vergangenen vier Staffeln jedes Mal woanders aufgebaut. Beim Dreh der ersten und zweiten Staffel konnte man noch ganze, leerstehende Häuser in Berlin-Mitte benutzen – und Blocks, in die wir Wohnungen eingebaut haben. Doch angesichts der momentanen, angespannten Mietknappheit mussten wir diesmal bereits nach Oberschönewalde fahren um ein leeres Haus zu finden – und für die nächste Staffel bestimmt schon nach Polen. Und klar, natürlich gibt’s gefühlt auch 80 Prozent neue Drehorte.

Was waren inhaltlich die größten Herausforderungen beim Dreh der vierten Staffel? 

AvB: Uns war bewusst, dass wir uns auf keinen Fall auf etwas ausruhen dürfen, das schon einmal funktioniert hat. Um die perfekte Balance zu finden, mussten wir als Filmemacher extrem hungrig bleiben und die Produktion mit der gleichen Energie weitertreiben wie früher. Das war die größte Herausforderung, von der ich glaube, dass sie uns gelungen ist. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die Zuschauer das Gefühl haben, ein bereits bekanntes Potpourri erneut serviert zu bekommen.
TT: In den ersten drei Staffel war das Aufkeimen des Nationalsozialismus ein noch eher unterschwelliges Thema – zumindest in dem Sinn, dass es keine visuelle Entsprechung dafür gab. Diesmal ist das anders – und zwar mit Pauken und Trompeten. In der 4. Staffel haben wir uns die Präsenz der SA und das Thema Nationalsozialismus – und wie sich die Nazis in Deutschland festbissen – sehr genau vorgeknöpft. Das zu erzählen war eine grosse Herausforderung, weil wir in einer Form darstellen wollten, die nicht die gängigen Klischees bedient – beispielsweise, wenn es um Versammlungen geht, um das zackige Gehabe, die Fremdheit dieser Typen. Wir wollten nicht den Fehler machen, Bilder und Situationen zu zeigen, die man schon so oft im Fernsehen gesehen hat, dass sie zu Klischees geworden sind. Stattdessen wollten wir die Milieus von innen beleuchten. Wir tun das, indem wir unseren Helden in das System eindringen lassen und so auf natürliche Weise ganz nah in den Apparat einsteigen, statt ihn einfach zu diabolisieren. Weil der Zuschauer durch die Augen einer Hauptfigur mit der SA vertraut gemacht wird, wird ihre komplexe Rolle in jener Zeit nachvollziehbar. Jenseits dieses Themas war es eines unserer Anliegen, das Boxmilieu dieser Epoche zu untersuchen und die Bedeutung dieses Sports in den frühen 30er Jahren filmisch aufzuarbeiten.

Was waren aus technischer Sicht die größten Herausforderungen?
AvB:
Den immensen technischen Apparat hinter den Bildern verschwinden zu lassen und sie leichtfüßig wirken zu lassen. Dabei – auch im Bekannten – immer wieder neue Blickwinkel zu finden. Außerdem ist es schon herausfordernd, die großen SA-Aufmärsche, die Boxkämpfe in der Kürze der verfügbaren Zeit zu drehen – genau wie der Tanzmarathon im Moka Efti: Wir wollten unbedingt zeigen, dass sich die Spirale gegen Ende der Weimarer Republik immer schneller drehte, dass es bei dem berühmten „Tanz auf dem Vulkan“ irgendwann auch um Leben und Tod ging. Und dann haben wir noch die zahlreichen Dialekte, wir versuchen ja alle in ihrer Mundart sprechen zu lassen. So vielfältig diese Dialekte damals waren, so vielfältig soll auch unser Film klingen.

HH: Berlin ist die Hauptfigur, aber um sie zu beleben, brauchten wir Millionen von Gesichtern – oder anders ausgedrückt: 5.200 Komparsen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprachen und zur Glaubwürdigkeit beitrugen. Und klar, die mussten auch noch alle eingekleidet werden!

Wie würden Sie die Chemie zwischen Rath und Ritter beschreiben? Was passiert diesmal zwischen den beiden? 

TT: Diesbezüglich will ich nicht spoilern, deshalb nur so viel: Diesmal gibt’s überraschende Twists – und das Blatt wendet sich zumindest einmal gravierend. Jedem, der wissen will, wie es zwischen den beiden weitergeht, empfehle ich das Ende der sechsten Episode. 

Welche Parallelen zu heute haben Sie während der Produktion in Bezug auf die damalige Zeit empfunden?
HH:
Wir haben 2013 mit dem Schreiben der Story angefangen. Damals war die AfD noch nicht mal gegründet. Heißt: Bei jeder neuen Staffel gibt es mittlerweile Geschehnisse, die wir nicht vorhersehen konnten – in jüngster Zeit etwa die Börsenturbulenzen und das Inflationsproblem, das sich bei uns bereits am Ende der 3. Staffel im Jahr 1929 anbahnte. Gleichzeitig passieren manchmal komische Sachen. Ein Beispiel: Wenn Gereon Rath in Episode 10 von einer „konzertierten Aktion“ spricht – und dieser Begriff plötzlich in der Gegenwart von Olaf Scholz benutzt wird – bin ich wirklich verblüfft, obwohl wir in unserer Serie damit etwas anderes meinen. Unterm Strich findet sich vieles aus der damaligen Zeit weiterhin in der Gegenwart als Echo wieder.

AvB: Wir versuchen nie, die Geschichte von heute aus zu beschreiben, sondern vorrangig aus dem Blickwinkel der Menschen damals zu erzählen. Dazu muss man exzellent recherchieren. Die größte Parallele zwischen damals und heute ist, dass vermeintlich ewig gültige Gewissheiten in kürzester Zeit zu Staub zerfallen können. Menschen aus aller Welt lieben „Babylon Berlin“, weil sie darin die eigene, unsichere Gegenwart gespiegelt sehen – von der gerade grassierenden Inflation über die territoriale Einheit Europas bis zur Abkehr Amerikas von der Demokratie. Obwohl die Serie Geschehnisse vor rund 90 Jahren beleuchtet, erscheint vieles erschreckend aktuell.

Gab es den Konflikt zwischen den Ringvereinen und der historisch belegten Figur des Meisterkommissars Gennat damals wirklich? Und stand er einem Treffen der Syndikate tatsächlich ablehnend gegenüber?

TT: Nein, das Treffen ist fiktiv.
HH: Aber Gennat hat damals das Gespräch mit der Berliner Mafia, den sogenannten Ringvereinen, gesucht, weil er mit den Köpfen in Kontakt treten wollte - und die so genannte „Gefährderansprache“ erfunden. Wir haben das etwas modifiziert.

Bei aller Dramatik: Welchen Stellenwert hat der Humor in „Babylon 4“? Man denke nur an die Szene mit Witwe Behnke und einer Dokumentendublette im Zug.

HH: „Babylon“ erinnert prinzipiell gern an deutsche Filmgeschichte, etwa an den expressionistischen Film oder die Werke von Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau – genau wie an den frühen Realismus von „Menschen am Sonntag“. Diesmal kommen noch Facetten hinzu, die an Billy Wilder und Ernst Lubitsch erinnern. Denn die damalige Zeit hatte unheimlich viel mit einem gewissen Witz und Tempo zu tun – meistens von jüdischen Künstlern – den es später so nicht mehr gab. Eine Hommage auf sie ist wichtig, um das Gefühl für die damalige Epoche wiederauferstehen zu lassen.

An welche historische Figur ist Alfred Nyssen angelehnt?

TT: Nyssen ist ein Stellvertreter für später als Kollaborateure identifizierte Industrielle, die immer mehr danach strebten, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen – und sich den Nazis sukzessive immer mehr angenähert haben. Sie unterlagen dem Irrglauben, dass Land mit weniger befähigten Politikern selbst in die Hand nehmen zu können, was ihnen aber gehörig misslang. Insofern steht Nyssen für Verblendung und Selbstherrlichkeit.

AvB: Lars Eidinger treibt das genial auf die Spitze. Er ist ein Stellvertreter für eine typisch deutsche Elite, die sich durch den Ausgang des 1. Weltkriegs erniedrigt fühlte und nicht stark genug war, um die Niederlage akzeptieren zu können. Bei uns resultiert daraus eine komische Figur mit einem Vater- und Mutterkomplex.

Welches Buch nehmen Sie sich für die fünfte Staffel vor?

TT: Also mindestens eine Staffel wollen wir noch. Aber der konkrete Inhalt ist etwas, das sich erst auf dem Weg zu ihm entwickelt. „Babylon“ ist eine Serie über die Weimarer Republik, die 1933 endete. Dort sind wir zeitlich noch nicht angekommen.

„Ein Tag wie Gold“ ist der neue Song der Serie …
HH:
Genau. Der Song wandert in verschiedenen Inkarnationen durch die komplette, vierte Staffel. Es wird auch zwei oder drei Videos dazu geben. Darin werden wir auch Outtakes zeigen, die man nicht in der Serie sieht.   
TT: „Ein Tag wie Gold“ hat eine verrückte Qualität. „Was kümmern mich Bilanzen, lass uns tanzen“ ist beispielsweise eine signifikante Zeile des Liedes, das insgesamt auf den Tanz auf dem Vulkan anspielt. In der 4. Staffel befinden wir uns zeitlich auf einem untergehenden Schiff, das bereits auf einer Seite liegt, die, weil sie sich unter der Wasseroberfläche befindet, überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird. Auf der sich über dem Wasser befindenden Seite wird hingegen immer noch getanzt und so getan, als wäre überhaupt nichts passiert. Max Raabes Lied vereint diese seltsame Fröhlichkeit und die gleichzeitige Melancholie vor dem Abgrund einfach genial.   

"Babylon Berlin 4": Ab dem 8. Oktober bei Sky und 2023 im Ersten.

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